Körpersprache im Stau 

Wenn wir in unserem kleinen Autochen sitzen, dann fühlen wir uns sicher. Wir haben einen Kasten um uns herum und fühlen uns unbeobachtet. Dieses Phänomen ist vor allem im Stau zu beobachten. Ein kleiner Hinweis an dieser Stelle: Dieser Kasten hat Löcher und diese Löcher nennt man Fenster und man sieht durch sie ALLES. 

Heute geht es um Körpersprache im Stau. Ich habe mich mal für euch umgesehen und hab ein paar lustige, euch bekannte oder selbst erlebte körpersprachliche Signale und Verhaltensweisen gesammelt, die ihr dann von jetzt ab selber beobachten könnt. Da gibt es zum Beispiel die Menschen, die die Gelegenheit im Stau nutzen, um zu Hause verpasste Körperhygiene zu betreiben. Dazu gehört für sie das Entfernen von unliebsamen Knubbeln in den Nasenlochinnenwänden. Dem Entfernen gehen sie leidenschaftlich, hingebungsvoll und enthusiastisch nach. Meine Meinung dazu: Sollen sie popeln, ich muss ja nicht hinschauen. Aber sie sollten sich dennoch dessen bewusst sein, dass man sie sieht. Vor allem, wenn die Sonne so schön scheint und gerade morgens schön von vorne den gesamten Fahrzeuginnenraum hell erleuchtet. Im Zweifelsfall erkennt der nebendran im Stau stehende Beobachter sogar die Konsistenz des gefischten Nasensekrets (Krümel oder Faden). Dies geschieht alles nonverbal. 

Dann gibt es noch die zukünftigen „Deutschland sucht den Superstar“-Kandidaten. Das sind die, die völlig außer sich hinter dem Lenkrad herumzappeln, singen, rocken und mitgrölen. Ich finde das herrlich. Wisst ihr was ich mache, wenn ich so jemanden neben mir im Stau entdecke? Ich klicke die Radiosender so lange durch bis ich den Sender gefunden habe, den er hört und dann stimme ich mit ein. „We will rock you… Near, far, wherever you are… West Virginia, mountain mama…“ 

Man erkennt an der Körpersprache schon, ob es jemand eilig hat, also ob er Hummeln im Hintern hat, oder ob er stressresistent stautiefenentspannt ist. Stress und somit Kandidat für schnellen unangekündigten Spurwechsel genau vor dir: Er trommelt mit den Fingern auf dem Lenkrad mit dem Blick von links nach rechts und wieder nach links. Er redet und zuckt dabei hilflos mit den Schultern. Er redet mit seinem Auto bzw. natürlich in die Freisprechanlage. Mein Steinzeitgehirn wird sich wohl nie daran gewöhnen, dass Menschen mit der Luft reden. Ich suche immer nach jemandem, der mit im Auto sitzt, wenn ich sehe, wie sich der Mund eines Fahrers bewegt und er wild gestikuliert, obwohl niemand da ist. Menschen, die mit nicht vorhandenen Menschen sprechen, sind mir immer noch suspekt. Das Faszinierende ist, dass sich im Auto telefonierende Menschen unbeobachtet fühlen.  So hast du aber die einmalige Gelegenheit deren unbewusste Körpersprache zu lesen. Ich versuche immer herauszufinden, was das Thema des Telefonates sein könnte. 

Wenn sich der Stau gerade beginnt zu stauen und die Bremsleuchten der Autos vor dir ankündigen, dass du jetzt erstmal stehen wirst, kannst du deine Mitleidenden bestens beobachten. Du kannst anhand der Körpersprache erkennen, ob jemand einen wichtigen Termin hat, den er jetzt verschieben  oder zumindest sein Zuspätkommen ankündigen muss. Du kannst erkennen, wie geschäftig plötzlich in den Autos organisiert und diskutiert wird. Früher zückten alle die Autobahnlandkarten und suchten einen Umweg. Heute haben die Menschen mehr Zeit zu fluchen. Manche nutzen die Gelegenheit, ihre Telefonliste abzuarbeiten. Bei 10 km/h kann man sich wesentlich besser konzentrieren als auf der linken Spur mit Bleifuß. Und dann gibt es noch die tiefenentspannte Version der Stausteher. Die lehnen sich im Sitz zurück, strecken sich, und die einzige Kopfbewegung, die sie von Zeit zu Zeit machen – das ist übrigens die meist gewählte Kopfhaltung im Stau – ist den Kopf schräg nach links zu neigen, ihn Wirbel für Wirbel auszufahren wie eine Schildkröte, um an den anderen Autos vorbei blicken zu können und so zu sehen wie lange der Stau noch geht. 

Tipp: Genieße deinen nächsten Stau, indem du die Körpersprache der anderen beobachtest. Aber Vorsicht: Menschen sind komisch, wenn sie nicht wissen, dass sie beobachtet werden und plötzlich merken, dass sie beobachtet werden. Die Menschen gucken weg, wenn sie denken, dass sie beobachtet werden, weil sie denken, dass sie nicht gesehen werden, wenn sie in die andere Richtung blicken. So wie ein Kind denkt, es ist unsichtbar, wenn es sich die Augen zuhält. 

Ich wünsche dir in Zukunft ganz viel Spaß im Stau. Lass dich nicht nerven, du kannst es sowieso nicht ändern. Du kommst nicht schneller voran, wenn du dem anderen an der Stoßstange hängst. Es ist halt so wie’s ist. Mach dir einen Spaß daraus und versuche zu interpretieren wie es den anderen Verkehrsteilnehmern geht. Fenster sind zum durchgucken da und sei dir dessen bewusst, dass die anderen dich auch sehen.

In diesem Sinne: Auf in den nächsten Stau!

Deine Yvonne

Körpersprachekurs