„Fapf, ich ruf dich gleich pfurück.“ – Zahn weg 2h vorm Vortrag!
„Ich muff den pfahn fuchen!“ … Noch zwei (!) Stunden bis zum Vortrag vor hundert Menschen in Oranienburg. Sie haben alle Tickets gekauft, nur um mich zu sehen.

„Ach, jetzt kannst du noch was arbeiten“ setze ich mich mit meinem Laptop auf dem Schoß noch in Joggingklamotten in mein Wohnmobil. 15:55 Uhr habe ich eine geniale Idee zu meiner „Wirke wie du willst -Akademie – Souverän auftreten auf Bühne und vor Kamera“. Ich beiße mir beim Nachdenken mit den Schneidezähnen auf meinen Daumennagel. Knack.
Vorsichtig taste ich mit meiner Zungenspitze an meinen Schneidezahn. Au wei, er wackelt leicht. Auf einer Angespanntheitsskala von 1-10 bin ich auf 4.
Ich teste vorsichtig mit den Fingern wie sehr er wackelt, da habe ich ihn auch schon in der Hand. Stress auf 9. Vor Schreck fällt er mir aus der Hand auf den beigefarbenen Teppich im Wohnmobil und wird vom selbigen verschluckt.
Noch 1 Stunde 55 min bis ich auf der Bühne stehe. Ich taste hektisch den Boden ab wie jemand, der verzweifelt versucht, seine verlorenen Kontaktlinse zu finden. Da. Wie „mein Schaaatz“ halte ich den Zahn wieder zwischen den Fingern.
Ich rufe sechs (!) Zahnärzte in Oranienburg an, bei denen ich minutenlang in der Warteschleife hänge, um dann mit elfengleicher Stimme ins Ohr gesäuselt zu bekommen: „Wir nehmen keinen neuen Patienten auf, wir sind voll.“ Alles Winseln und Erklären hilft nicht. Dafür viele gut gemeinte Ratschläge der Zahnarzthelferinnen am Telefon: „Auf keinen Fall Sekundenkleber“. Ha ha. Ich solle Haftcreme versuchen.
Mit dem Zahn in der Hand renne ich also zur nächsten Apotheke. Mit hilf- und zahnlosem Lächeln, öffne ich den Mund vor der Apothekerin: „Ich habe ein kleinef Problem, ich muff in einer Fpunbe 45 Min auf ber Bühne fbehen, haben Fie richtig gute Haftcreme?“
Vor der Apotheke trage ich mir sofort mit zitternden Fingern hoffnungsvoll eine großzügige Portion Haftcreme auf und presse mir den Zahn in die Lücke. Es hält!
Ich rufe meinen Mann an und frohlocke überglücklich: „Schatz es funktioniert…!“ Während ich das sagte, kann ich den Zahn in hohem Bogen aus meinem Mund ins mittelhohe Gras fliegen sehen.

„Fapf ich ruf dich gleich pfürück. Ich muff den pfahn fuchen!“
Weil ich Golf spiele, ich bin es gewohnt, weiße kleine Dinge in grünem Gras zu finden. Man muss sich nur merken, wo er hingeflogen ist. Ich habe ihn also schnell wieder. Kurzes Selbstcoaching: Dann siehst du halt so aus, ein fehlender Zahn hindert dich ja nicht daran, dein Wissen zu vermitteln und deinen Vortrag zu halten. Ich erkläre das einfach am Anfang, und dann müssen wir alle durch. Nur den Schlusssatz mit dem fröhlichen Lächeln bis zu beiden Ohren muss ich nochmal überdenken. – Plan B ist also: Akzeptiere was ist.
Ich gehe noch einmal die Liste der Zahnärzte durch. Einer ist noch da in ganz Oranienburg, den ich noch nicht angerufen habe.
Meine letzte Chance ein gewisser Dr. Heinitz. Es klingelt eine Weile, die Zahnarzthelferin nimmt den Anruf an: „Wir sind leider komplett voll.“
„Aber ef ift wirklich, wirklich ein Notfall, ich muff in 1 Fpunbe und 40 Min auf der Bühne fpehen.“
Voller Empathie in der Stimme antwortet sie: „Kommen Sie vorbei, wir wissen nicht, ob wir etwas tun können, aber wir schauen es uns mal an. Versprechen können wir nichts. Bringen Sie viel Wartezeit mit. Wir müssen erst die anderen Patienten drannehmen.“
Ich werfe rasch alles im Wohnmobil auf den Boden, damit es nicht durch die Gegend fliegt und rase mit wehender Zahnlücke durch halb Oranienburg zur Praxis.
Als ich die Zahnartzhelferin begrüße, versteht sie beim Blick auf mein klaffendes Loch zwischen strahlend weißen Zähnen sofort das Problem. „Nehmen Sie schon mal im Wartezimmer Platz“.

Euphorisch, dass nun alles gut wird, öffne ich die Tür zum Wartezimmer und sehe vier wartende Patienten. 16:50 Uhr. 15 Min im Schnitt pro Patient, das wird nix mit dem Auftritt. Ich falle in eine Art Schockstarre und zähle meine Atemzüge.
17:15 Uhr schwingt die Tür auf und die erlösendsten vier Worte meines Lebens flöteten in meine Richtung: „Frau de Bark, bitte“
Ein kleiner Schnack mit der Zahnarzthelferin. Sie: „Ich kenne Sie doch irgendwo her.“ Ich: „Vielleicht von Unter Umpf?“
Auf der Behandlungsliege achte ich auf jede mimische Bewegung des Zahnarztes, ob er es hinbekommt oder nicht. Er begutachtete das Desaster genau.
Zwei weitere Köpfe schieben sich über mir in mein Sichtfeld. Er fragt: „Wie lange muss der Zahn halten?“
Ich: „Nur pfei Pfumben. Kriegen Fie daf hin?“
Und dann sagt er es: „Ja.“ Nur ein Wort, das meinen Vortrag gerettet hat.
Danke, lieber Herr Dr. Heinitz. Sie sind der Beste!


Danke auch an Nadin Buschhaus für die Organisation dieser grandiose Veranstaltung! Sie wird mir auf jeden Fall noch lange in Erinnerung bleiben!
Yvonne de Bark ist studierte Schauspielerin und Top-Expertin zum Thema Körpersprache und Wirkung
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